Jazz
Jazz ist eine in den USA aus der Begegnung der afrikanischen mit der europäischen Musik entstandene künstlerische Musizierweise. Das Instrumentarium, die Melodik und die Harmonik des Jazz entstammen zum größeren Teil der abendländischen Musiktradition. Rhythmik, Phrasierungsweise und Tonbildung sowie Elemente der Blues-Harmonik entstammen der afrikanischen Musik und dem Musikgefühl des amerikanischen Farbigen. Der Jazz unterscheidet sich von der europäischen Musik durch drei Grundelemente, die intensitätssteigernd wirken:
1. durch ein besonderes Verhältnis zur Zeit, das mit dem Wort "Swing" gekennzeichnet wird.
2. durch eine Spontaneität und Vitalität der musikalischen Produktion, in der die Improvisation eine Rolle spielt.
3. durch eine Tonbildung bzw. Phrasierungsweise, in der sich die Individualität des spielenden Jazzmusikers spiegelt.
Diese drei Grundelemente, deren Wurzeln seit Generationen oral überliefert wurden und noch werden, schaffen ein neuartiges Spannungsverhältnis, in dem es nicht mehr - wie in der europäischen Musik - auf große Spannungsbögen, sondern auf eine Fülle kleiner, Intensität schaffender Spannungselemente ankommt, die aufgebaut und wieder abgebaut werden.
Die verschiedenen Stile und Entwick lungsstadien, die die Jazzmusik von ihrer Entstehung um die Jahrhundertwende (gemeint ist das 20. Jhdt.) bis heute durchlaufen hat, werden zu einem wesentlichen Teil dadurch gekennzeichnet, dass den drei Grundelementen der Jazzmäßigkeit jeweils verschiedene Bedeutung zukommt und dass das Verhältnis zwischen ihnen wechselt."
Die Elemente des Jazz
Improvisation
Die Improvisation ist eines der wesentlichen Merkmale, wenn nicht überhaupt das Hauptmerkmal des Jazz. Im Jazz wird über gegebenen Harmonien improvisiert. Improvisation im Sinne eines Musizierens völlig aus dem Stegreif heraus begegnet man allenfalls im Free Jazz. Der Mehrzahl der Jazz-Improvistationen liegt ein Thema in 32-taktiger Liedform oder der 12-taktigen Blues-Form zugrunde. Über die gegebenen Harmonien des Songs werden neue melodische Linien gelegt. Oft bilden die Songs des Great American Songbook das Gerüst, über dem dann improvisiert wird. Eine Jazz-Improvisation ist stets ein Ausdruck der ureigenen Persönlichkeit des Improvisierenden und Teil seiner geistigen, musikalischen und emotionalen Situation.
Tonbildung und Phrasierung
Die Tonbildung und Phrasierung des Jazz unterscheidet sich ganz wesentlich von jener der traditionellen europäischen Musik. Während in letzterer ästhetische Kriterien von größter Bedeutung sind, rangieren im Jazz Ausdruck und Emotion vor Ästhetik und Schönklang. Im Jazz klingen die menschliche Stimme und Instrumente rauh, sehr expressiv und losgelöst von herkömmlichen Klangvorschriften. Daher kommt auch der ureigene und individuelle Ton vieler Jazz-Instrumentalisten, an welchem der Kenner den jeweiligen Jazz-Musiker sofort zu erkennen vermag. Einen besonders unverwechselbaren Ton haben etwa Miles Davis, Louis Armstrong, Lester Young, Coleman Hawkins oder Thelonious Monk.
Arrangement
Wenngleich im Jazz improvisiert wird, kommt auch dem Arrangement eine hohe Bedeutung zu. Liegt ein Arrangement vor, so weiss der Improvisator, was die ihn begleitenden Musiker tun und kann sich auf diese Weise umso besser entfalten. Das Arrangement liegt zumeist in schriftlicher Form vor, kann aber fallweise auch nur auf mündlichen Vereinbarungen beruhen. Vor allem in der Frühzeit des Jazz, als viele Musiker nicht Noten lesen konnten, waren mündliche Vereinbarungen die Regel, bzw. musste solange geprobt werden, bis die Musiker ihre Parts auswendig spielen konnten. Ganz besonders raffinierte und ausgefeilte Arrangements findet man im modernen Big-Band-Jazz.
Harmonik
Obgleich der Jazz eine revolutionäre Musik-Form ist, bleibt er in Bezug auf Harmonik und Melodik weitgehend traditionsbewahrend. Wirklich neu und eigenständig sind eigentlich nur die sogenannten "Blue Notes". Abgesehen von den Blue Notes ist die Jazz-Harmonik identisch mit der Harmonik der Unterhaltungsmusik. Im Free-Jazz in seiner reinsten Ausprägung wird allerdings weitgehend auf die über- lieferten Gesetzmäßigkeiten der Funktions- harmonik verzichtet.
Melodik
Das Hauptmerkmal der Jazz-Melodik ist ihr fließender Charakter. Dadurch, dass der Jazz-Musiker aus dem Unbewussten heraus improvisiert, gibt es in den improvisierten Melodielinien keine Wiederholungen.
Rhythmus, Swing
Ein besonders hervorstechendes Merkmal des Jazz ist, dass er - von wenigen Ausnahmen dieser Regel einmal abgesehen - "swingt". Dieser "Swing" ist das Ergebnis des Zusammentreffens von afrikanischem Rhythmus-Gefühl mit dem in den europäischen Musikformen gebräuchlichen gleichmäßigen Takt-Metrum. In den sehr frühen Jazz-Formen war das Phänomen des "Swing" noch nicht besonders aus- geprägt, der "Swing" entwickelte sich erst allmählich im Laufe der Zeit. Dadurch, dass die Jazz-Rhythmen immer vielschichtiger wurden, trat das mit Worten nur ungenügend zu beschreibende Phänomen des "Swing" immer deutlicher hervor. Nicht nur Bass und Schlagzeug sind für den "Swing" im Jazz verantwortlich, auch der jeweilige Solist muss von sich allein aus die Fähigkeit haben zu "swingen". Hat er diese Fähigkeit nicht, ist er auch kein richtiger Jazz-Musiker. Der Schlagzeuger Jo Jones gab über das Phänomen "Swing" folgendes Statement ab: "Es ist etwas ganz einfaches, aber es gibt Dinge darin, die man nicht beschreiben kann. Die beste Art, in der du sagen kannst, was "Swing" ist, ist, dass du ihn spielst. Es ist einfach der Unterschied zwischen einem ordentlichen Händedruck und einem schwammigen."